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Quelle: Gehirn&Geist 10/2006
Die Mischung macht’s
Eric Kandel will Neuroforschung und
Psychotherapie verbinden
Lernen und Gedächtnis sind ein unverzichtbarer
Teil unseres Lebens. Doch
welche molekularbiologischen Prozesse
laufen dabei eigentlich im Gehirn ab?
Und welche Rolle spielen sie bei der Entstehung
psychischer Störungen? Können
Psychotherapie und Neurobiologie voneinander
profitieren?
Diesen Fragen geht Eric Kandel, einer
der führenden Gedächtnisforscher, in
seinem Buch "Psychiatrie, Psychoanalyse
und die neue Biologie des Geistes" nach.
Es ist eine Sammlung wichtiger Aufsätze
des Nobelpreisträgers aus verschiedenen
Phasen seiner über 40-jährigen Forschertätigkeit. Auch andere bekannte Psychiater
und Neurowissenschaftler kommen
zu Wort, da jeder Beitrag durch einen
Kommentar abgerundet wird.
Kandel widmet sich den komplexen
biochemischen und physikalischen Vorgängen,
die beim Lernen ablaufen. Diese
Mechanismen sind von einfachen wirbellosen
Tieren bis hin zum Menschen
sehr ähnlich. Die Forschungen des Neurowissenschaftlers
zeigen außerdem, dass
dabei verschiedene Moleküle in den Nervenzellen
eine zentrale Rolle spielen: So
verändern sich bei einer kurzzeitigen Gedächtnisspeicherung
bestimmte Proteine
– was die vorhandenen synaptischen
Verbindungen stärkt. Langfristige Speicherprozesse
hingegen bedürfen der Synthese
neuer Proteine, sodass neue synaptische
Verbindungen entstehen können.
Doch was haben diese Entdeckungen
nun mit dem Verständnis psychischer
Störungen und der Wirkung von Psychotherapie
zu tun? Auch hier gibt Kandel
eine spannende Antwort: therapeutische
Arbeit sei nur dann wirksam, wenn der
Patient lang anhaltende Veränderungen
im Erleben und Verhalten erzielt. Und
diese basieren letztlich wieder auf langfristigen
synaptischen Veränderungen.
Der Autor plädiert schon seit den
1970er Jahren dafür, dass sich biologische
und psychotherapeutische Forschung
zum gegenseitigen Nutzen befruchten
sollten – eine Entwicklung, die
allerdings erst in den letzten zehn Jahren
richtig in Schwung gekommen ist.
Obwohl seine Ideen für alle psychotherapeutischen
Richtungen von Relevanz
sind, gilt sein besonderes Augenmerk
der Psychoanalyse. Ein Artikel des
Sammelbands beschäftigt sich ausschließlich
mit dem Verhältnis dieser
Therapierichtung zu den Neurowissenschaften.
Eric Kandel zeigt auf, wo eine Zusammenarbeit
beider Disziplinen möglich
ist – etwa beim Studium des Unbewussten
oder des Einflusses frühkindlicher
Erfahrungen auf die Entwicklung
psychischer Störungen. Der Autor, selbst
psychoanalytisch ausgebildet, erweist
sich hier als ausgewogen urteilender Beobachter.
Er betont die Stärken der Psychoanalyse,
verlangt aber eine wesentlich
stärkere empirische Einbettung als
bisher.
Kandel schreibt klar und anschaulich
über seine Forschungen. Leser ohne neurobiologische
Vorkenntnisse müssen sich
allerdings darauf einstellen, ziemlich gefordert
zu werden. Besonders die Darstellung
neurochemischer Zellprozesse
geht recht stark ins Detail.
Neurowissenschaftlich Interessierten
sei das Buch ans Herz gelegt. Viele Themen
werden in mehreren Artikeln aufgegriffen und aus jeweils einer anderen
Perspektive beleuchtet. Die Chancen
für den Leser, neue und stabile synaptische
Verbindungen aufzubauen, stehen
also gut.
Es bleiben zwei Wermutstropfen: Die
deutsche Ausgabe ist im Vergleich zum
Original um zwei Beiträge gekürzt. Und
bei der Übersetzung haben sich einige
Ungenauigkeiten eingeschlichen, die jedoch
zu verschmerzen sind.
Ronald Schneider
Der Rezensent ist Diplompsychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für Klinische Psychologie der Universität Düsseldorf
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