"Geh mir ein wenig aus der Sonne!" Laut Plutarch sprach so Diogenes von Sinope zu Alexander dem Großen auf dessen Frage hin, welchen Wunsch er habe. Amateurastronomen dürften dasselbe sagen, wenn ihnen jemand den Blick auf den hellsten Stern versperrt, der uns am Firmament erstrahlt. Erst recht, wenn sie nach Lektüre zweier aktueller Sonnenbücher heiß geworden sind auf eigene Sonnenbeobachtungen.

Zwei Neuerscheinungen des Springer- und des Oculum-Verlags haben unser Zentralgestirn im Fokus. Beide Bücher sind sehr praxisnah und eröffnen Amateurastronomen spannende Perspektiven auf die Sonne. Auf den ersten Blick unterscheiden sich beide Werke deutlich voneinander: Während das Werk Jürgen Banischs von Oculum mit zahlreichen farbigen Illustrationen, Abbildungen, Diagrammen und Fotografien ausgesprochen anschaulich erscheint, wirkt das Buch aus dem Springer-Verlag eher textlastig, zumal es weit weniger und überwiegend schwarz-weiße Abbildungen bietet. Bei näherer Betrachtung relativiert sich der erste Eindruck jedoch schnell und beide Bücher offenbaren innere Werte, die nicht so weit voneinander entfernt liegen.

Der Aufbau beider Bücher ist unterschiedlich: Zunächst erfährt der Leser Grundlagen zur Sonnenphysik. Ausführlicher als im Buch von Springer ist dies im Werk von Oculum dargestellt, in dem ein didaktisch wunderbar gelungenes Kapitel über die Sonne aus Sicht der Erde vorangestellt ist. In beiden Büchern werden dann die beobachtbaren Phänomene beschrieben, und die Autoren gehen dabei unterschiedliche Wege. Jenkins widmet den einzelnen Bereichen der Photosphäre und der Chromosphäre einzelne Kapitel, in denen er jeweils die Möglichkeiten eigener Beobachtungen darstellt. Bei Banisch geschieht dies etwas pragmatischer: Sein Buch bietet zwei große Teile, einen theoretischen und einen praktischen. Hierbei tauchen weniger Redundanzen auf als bei Jenkins, der sich oft wiederholt, indem er bereits besprochene Elemente in anderem Zusammenhang erneut aufgreifen muss.

Im theoretischen Teil geht Banisch auch auf die großen erdgebundenen Sonnenobservatorien sowie die bedeutendsten Sonnenmissionen im All ein. Das unterscheidet ihn deutlich von Jenkins, der sich ausschließlich auf die Möglichkeiten der eigenen Sonnenbeobachtung beschränkt. Die Beobachtungspraxis selbst behandeln beide Werke lückenlos und führen eigentlich alles auf, was derzeit für Amateure machbar ist. So werden neben der Weißlichtbeobachtung auch die H-alpha- und die Kalzium-Beobachtung umfangreich erläutert, beim Buch von Banisch freilich bildreicher und anschaulicher als bei Jenkins.

Beide Bücher widmen sich auch dem Thema "Fotografie", wenngleich mit deutlich unterschiedlicher Ausführlichkeit: 33 Seiten bei Jenkins gegen zehn Seiten bei Banisch. Doch auch hier glänzt Letzterer durch seine größere Praxisnähe, beschränken sich seine Tipps doch viel mehr auf das Wesentliche.

Die Sprache von Jenkins ist von großer Ästhetik und spiegelt die Begeisterung des Autors für jenen Untersuchungsgegenstand wider, der ihn – nach eigener Aussage – bereits seit Kindestagen fasziniert. Die Sprache von Banisch ist wesentlich nüchterner, was freilich kein Nachteil ist, strahlt doch stets das große Wissen des Autors durch die Zeilen.

Befremdlich sind die Literaturhinweise im Buch von Jenkins, die am Schluss eines jeden Kapitels stehen: Es handelt sich bei den jeweils ein bis zwei aufgeführten Publikationen ausschließlich um solche aus dem eigenen Verlagshaus. Das wirkt etwas dünn und muffig, zumal manche dieser Monografien bereits einige Jahre auf dem Buckel haben.

Die Autoren beider Werke schöpfen aus ihrem offenkundig gewaltigen Erfahrungsschatz. Das macht die beiden mit unzähligen praktischen Tipps gewürzten Astroführer für jeden Sonnenbeobachter – oder den, der es werden möchte – zu ungemein wertvollen Quellen, weil sie ihm manchen Umweg ersparen. Wer es etwas weniger bildlich, dafür an mancher Stelle etwas weiter in die Tiefe gehend mag, wählt das Werk von Jenkins, wer es lieber anschaulicher und genauer auf den Punkt gebracht mag, greift zum insgesamt zeitgemäßeren Buch von Banisch.